Keine Einbahnstrasse: Was globale Gesundheitspartnerschaften der Schweiz zurückgeben

Langfristige Zusammenarbeit soll in Partnerländern Fähigkeiten und Strukturen aufbauen, die Bestand haben. Davon profitiert auch die Schweiz: bei der Innovation, über ihre internationalen Netzwerke und in ihrer Vorbereitung auf Gesundheitsgefahren.

Von links: Nationalrätin Regine Sauter (Moderation), Lutz Hegemann (Novartis), Beatrice Ferrari (Kanton Genf) und Alexander Schulze (Swiss TPH) am parlamentarischen Dialog vom 30. September 2026 in Bern. (Foto: Stella Tandhika) 

Von links: Nationalrätin Regine Sauter (Moderation), Lutz Hegemann (Novartis), Beatrice Ferrari (Kanton Genf) und Alexander Schulze (Swiss TPH) am parlamentarischen Dialog vom 30. September 2026 in Bern. (Foto: Stella Tandhika) 

«Was sollte erfolgreiche internationale Zusammenarbeit hinterlassen, wenn ein Projekt endet?» Diese Frage stellte Kenias Botschafterin in der Schweiz, I.E. Fouzia A. Abass, Ende September an einem parlamentarischen Anlass in Bern. Ihre Antwort: Kapazität. Gemeint ist die Fähigkeit von Menschen, Gemeinschaften und Institutionen, mehr aus eigener Kraft zu leisten, Krisen standzuhalten und schliesslich selbst etwas für andere beizutragen.

Als Beispiel nannte sie Saatgutbanken im Norden Kenias. Bäuerinnen und Bauern leihen sich Saatgut, wenn sie es brauchen, und geben nach der Ernte mehr zurück. «Aus zehn werden zwölf», sagte sie. Aus einer Investition von aussen ist etwas entstanden, das die Gemeinschaft selbst weiterträgt.

Die Frage stellt sich, während die Schweiz ihre eigene internationale Zusammenarbeit neu ausrichtet. Im Juni 2026 hat der Bundesrat die Weichen für die Zeit ab 2029 gestellt. Die Zusammenarbeit soll mehr Wirkung entfalten, Gesundheit ist einer von vier Schwerpunkten der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), und die humanitäre Hilfe erhält mehr Gewicht. Das Parlament dürfte die nächste Strategie 2028 beraten.

Neue Daten zeigen, welche Wirkung langfristige Zusammenarbeit erzielen kann. Im Global Food Report 2026 hat die Alliance Sufosec, ein von der DEZA mitfinanzierter Zusammenschluss von sechs Schweizer Entwicklungsorganisationen, 16 Projekte mit ihren eigenen Ausgangswerten verglichen. Seit 2021 ist der Anteil der Haushalte mit schwerer Ernährungsunsicherheit von 22 auf 11 Prozent gesunken. Ernährungssicherheit und Gesundheit liessen sich nur gemeinsam angehen, sagte Christian Frutiger, Vizedirektor der DEZA

Abass bezeichnete diese Ergebnisse als ermutigend und zeigte auf, was sie möglich machen: «Nicht einfach: Was kann die Schweiz für Kenia tun? Sondern: Was können Kenia und die Schweiz gemeinsam aufbauen?» Fachleute aus Industrie, Kanton Genf und Forschung schilderten, wie das aus Schweizer Sicht aussieht: bei Innovation und Wettbewerbsfähigkeit, in den internationalen Netzwerken Genfs und bei der Gesundheitssicherheit.

Innovation & Wettbewerbsfähigkeit

Lutz Hegemann (Novartis), mit Moderatorin Regine Sauter: Das Engagement in der globalen Gesundheit bringt der Schweiz Wissen, regulatorisches Gewicht, Zugang zu Talenten und internationals Ansehen. (Foto: Stella Tandhika)

Lutz Hegemann (Novartis), mit Moderatorin Regine Sauter: Das Engagement in der globalen Gesundheit bringt der Schweiz Wissen, regulatorisches Gewicht, Zugang zu Talenten und internationals Ansehen. (Foto: Stella Tandhika)

Bei Novartis, sagte Lutz Hegemann, President Global Health & Swiss Country Affairs, haben Krankheiten, die vor allem den globalen Süden betreffen, in der Forschung dasselbe Gewicht wie Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankungen. «Wir sehen globale Gesundheit nicht als Nebenprojekt, sondern als Kernbestandteil unseres Mandats als globales Unternehmen.» Nach seiner Darstellung liegt eine besondere Stärke der Schweiz gerade im Zusammenspiel von Universitäten, Swiss TPH, forschenden Unternehmen und Start-ups in Basel mit dem internationalen Genf.

Wie diese Teile ineinandergreifen, zeigt Coartem Baby, die erste Malariabehandlung für Neugeborene. Novartis hat sie gemeinsam mit der Genfer Organisation MMV entwickelt. Swissmedic liess sie im Juli 2025 in einem Verfahren zu, an dessen Begutachtung acht afrikanische Länder beteiligt waren. Swissmedic und DEZA unterstützen seit 2015 die Harmonisierung der Arzneimittelregulierung in Afrika. Alexander Schulze vom Swiss TPH sieht hier einen Bereich, in dem die Schweiz direkt profitieren kann.

Hegemann nannte konkrete Vorteile für die Schweiz: Wissen, regulatorisches Gewicht, Zugang zu Talenten und ein Ansehen, das er in Gesprächen mit Entscheidungsträgern in Afrika spürt.

Aus kenianischer Sicht beschrieb Abass, was ihr Land in die Partnerschaft einbringt: «Talente, Forschende, Unternehmerinnen und Unternehmer, eine wachsende Wirtschaft und das Tor zu einer Region mit mehr als 300 Millionen Menschen.» Im November 2024 unterzeichneten die beiden Länder ein Memorandum of Understanding zur Zusammenarbeit in Bildung, Forschung und Innovation.

Internationales Genf & internationale Netzwerke

Beatrice Ferrari (Kanton Genf): In Genf finden Schweizer Akteure innert Stunden die richtige Expertise und können internationale Antworten aktiv mitgestalten. (Foto: Stella Tandhika)

Beatrice Ferrari (Kanton Genf): In Genf finden Schweizer Akteure innert Stunden die richtige Expertise und können internationale Antworten aktiv mitgestalten. (Foto: Stella Tandhika)

In Genf lässt sich für eine technische Frage innert Stunden die richtige Expertise finden, sagte Beatrice Ferrari vom Kanton Genf. Der Grund ist die Konzentration: In Genf sind 42 internationale Organisationen, Vertretungen von 186 Staaten und mehrere hundert NGOs ansässig. Rund 90 dieser Organisationen haben nach Ferraris Zählung eine Gesundheitskomponente in ihrer Arbeit.

Sie nannte drei Stärken, die über Jahrzehnte entstanden sind und sich anderswo kaum nachbilden lassen: Vertrauen, der direkte Zugang zu Expertise und die Dichte an Organisationen mit Gesundheitsbezug. Abass beschrieb denselben Mechanismus aus Sicht eines Partnerlandes: «Zusammenarbeit schafft Vertrauen. Vertrauen schafft Netzwerke. Netzwerke schaffen Chancen.»

Dieselbe Nähe half Genf während der Covid-19-Pandemie selbst. Der Kanton zog Fachleute von Médecins Sans Frontières bei, deren Erfahrung aus vergleichbaren Krisen direkt in die Genfer Krisenbewältigung einfloss, auch zugunsten der verletzlichsten Bewohnerinnen und Bewohner. Genf, sagte Ferrari, sei globalen Krisen zunehmend ausgesetzt und verfüge nicht immer selbst über die nötige Expertise.

Gesundheitssicherheit & Resilienz

Schulze stellte zwei Begriffe ins Zentrum: Partnerschaft und Kapazitätsaufbau. Wie gut die Schweiz auf Gesundheitsrisiken vorbereitet ist, hänge von internationalen Partnerschaften und einem über viele Jahre gewachsenen Wissensaustausch ab. Fachwissen, das Schweizer Forschende mit Partnern in Afrika entwickelt haben, etwa beim Aufbau von Systemen zur Krankheitsüberwachung, komme heute auch der Schweiz zugute. «Nicht mehr nur eine Seite profitiert, sondern alle Seiten profitieren», sagte er.

Auch in der Schweiz selbst breitet sich die Tigermücke aus, die Dengue, Chikungunya und Zika übertragen kann. Swiss TPH überwacht sie im Auftrag von Bund und Kantonen. Laut Schulze stützt sich dieses Monitoring auf Ansätze aus der internationalen Zusammenarbeit. Im März 2026 meldete das Kantonale Laboratorium Basel-Stadt Dengue-Viren in einer Mückenprobe aus dem Jahr 2024. Es war der erste Nachweis des Virus in Mücken nördlich der Alpen.

Alexander Schulze (Swiss TPH): Wissen aus globalen Gesundheitspartnerschaften fliesst zunehmend in beide Richtungen und kommt auch der Schweiz zugute. (Foto: Stella Tandhika)

Alexander Schulze (Swiss TPH): Wissen aus globalen Gesundheitspartnerschaften fliesst zunehmend in beide Richtungen und kommt auch der Schweiz zugute. (Foto: Stella Tandhika)

Antibiotikaresistenzen sind ein weiteres Beispiel. Forschende von Unisanté, Swiss TPH, dem Ifakara Health Institute und dem tansanischen National Institute for Medical Research haben ePOCT+, entwickelt, ein digitales Instrument, das Gesundheitspersonal bei der Behandlung kranker Kinder anleitet. In einer von der DEZA mitfinanzierten Studie in Tansania wurden in 23 Prozent der Konsultationen mit dem Instrument Antibiotika verschrieben, ohne das Instrument in 70 Prozent. Laut Schulze wird der Ansatz heute im Kanton Waadt angewendet.

Langfristiges Engagement in einer fragmentierten Welt

Nationalrätin Regine Sauter, die das Podium moderierte, fragte, wie stark internationale Spannungen diese Stärken unter Druck setzen. Für niemanden auf dem Podium war die zunehmende Fragmentierung ein Grund zum Rückzug – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

  • Schulze: Wenn sich andere Akteure zurückziehen, bietet sich der Schweiz die Chance, bestehende Partnerschaften auf neue Felder gemeinsamen Interesses auszuweiten. Frühere Investitionen aufzugeben, wäre ein Fehler, denn internationale Zusammenarbeit sei «nicht trennbar von Innovation, Forschung und Technologie».
  • Hegemann: Ziehen sich andere Länder zurück, solle die Schweiz das als Chance nutzen, statt ihnen zu folgen.
  • Ferrari: Sie plädierte dafür, die Felder der Zusammenarbeit neu zu denken und kreative Partnerschaften aufzubauen.

Für Ständerätin Eva Herzog, Co-Präsidentin der Parlamentarischen Gruppe Globale Gesundheit, war das Fazit klar: «Die Schweiz ist einzigartig, und wir dürfen dieses Ökosystem nicht vernachlässigen – wir müssen es weiter pflegen.»

Abass hatte ihre eigene Rede mit einer Frage beendet: nicht nur, was Kenia und die Schweiz jetzt gemeinsam tun können, «sondern was wir heute gemeinsam aufzubauen beginnen können, das auch in zehn Jahren noch zählt».


Über den Dialog

Die Perspektiven in diesem Artikel stammen aus einem parlamentarischen Dialog vom 30. September 2026 in Bern. Durchgeführt wurde er von der Parlamentarischen Gruppe Globale Gesundheit gemeinsam mit der Alliance Sufosec, Medicus Mundi Schweiz, der Swiss Malaria Group und der Swiss Alliance against Neglected Tropical Diseases. Eröffnet und abgeschlossen wurde der Anlass von Ständerätin Eva Herzog, moderiert von Nationalrätin Regine Sauter, den beiden Co-Präsidentinnen der Gruppe.

    I.E. Fouzia A. Abass, Botschafterin Kenias in der Schweiz, brachte die Perspektive des Partnerlandes ein. (Foto: Stella Tandhika)

I.E. Fouzia A. Abass, Botschafterin Kenias in der Schweiz, brachte die Perspektive des Partnerlandes ein. (Foto: Stella Tandhika)

    Das Podium im Gespräch im Polit-Forum Bern. (Foto: Stella Tandhika)

Das Podium im Gespräch im Polit-Forum Bern. (Foto: Stella Tandhika)

    Von links: Matthew Harold und Lutz Hegemann (Novartis) mit Nadine Schecker (SMG/SANTD), nach dem Dialog. (Foto: Stella Tandhika)

Von links: Matthew Harold und Lutz Hegemann (Novartis) mit Nadine Schecker (SMG/SANTD), nach dem Dialog. (Foto: Stella Tandhika)

    Ständerätin Eva Herzog im Gespräch mit Christian Frutiger (DEZA). (Foto: Stella Tandhika)

Ständerätin Eva Herzog im Gespräch mit Christian Frutiger (DEZA). (Foto: Stella Tandhika)